Tiere, die den Wald überbeanspruchen, werden reguliert. So nennt man das. Reguliert. Als hätte jemand den Thermostat zu hoch gedreht und nun müsse kurz ein sachkundiger Herr mit grünem Hut den Temperaturfühler der Schöpfung neu justieren. Regulieren klingt sauber, nüchtern, beinahe fürsorglich. Kein Blut, kein Schmerz, kein Körper, kein Blick, kein letzter Atemzug. Nur ein Wort aus der Verwaltungsküche, frisch gewischt, geruchsneutral, mit Aktenzeichen im Abgang.
Der Hirsch frisst zu viel. Das Reh knabbert am falschen Trieb. Der Wolf steht dort, wo der Mensch ihn vorher jahrhundertelang ausgerottet hat und jetzt wieder mit der emotionalen Stabilität eines schlecht befestigten Gartenzauns begrüßt. Der Fischotter nimmt sich Fische aus Gewässern, als hätte er die absurde Vorstellung, ein Fischotter zu sein. Und sofort erhebt sich der Mensch, diese wandelnde Sondergenehmigung mit Stoffwechsel, und erklärt der Natur, wo die Grenze des Zumutbaren verläuft.
Überbeanspruchung des Lebensraums. Ein schönes Kriterium. Fast poetisch, wenn man genug Abstand zum Planeten hat. Denn während das Reh an jungen Bäumen frisst, frisst der Mensch ganze Landschaften. Er versiegelt Böden, leitet Gifte in Flüsse, häutet Wälder, verheizt Moore, füllt Meere mit Plastik, bläst den Himmel voll, baut Straßen durch Lebensräume, nennt Beton Infrastruktur und Zerstörung Entwicklung. Danach stellt er sich vor eine Trophäenwand und spricht über ökologische Verantwortung. Die Natur muss wirklich dankbar sein, so kompetent missverstanden zu werden.
Der Mensch zerstört den Planeten und führt dabei Buch über die Schäden der Tiere. Das ist kein Widerspruch, das ist Hochkultur. Ein Fuchs reißt ein Huhn: Problem. Ein Wolf reißt ein Schaf: Krise. Ein Fischotter nimmt Fische: Alarm. Der Mensch löscht Arten, vergiftet Böden, verändert das Klima, organisiert Kriege, verbraucht Kontinente und hält das alles für eine bedauerliche Begleiterscheinung seiner großartigen Zivilisation. Man möchte fast applaudieren, aber die Hände sind damit beschäftigt, sich vors Gesicht zu legen.
Also ja: regulieren. Aber dann bitte konsequent. Regulieren wir die Gier. Regulieren wir die Wachstumsideologie, die aus jedem Baum Holz, aus jedem Fluss Energie, aus jedem Tier Bestand und aus jedem Stück Erde Rendite macht. Regulieren wir jene majestätische Selbstüberschätzung, mit der der Mensch sich zum Hausmeister der Natur ernannt hat, obwohl er seit Jahrhunderten aussieht wie der Mieter, der die Wohnung verwüstet und anschließend eine Beschwerde über den Zustand des Treppenhauses schreibt.
Wenn „Regulierung“ das sanfte Wort für Töten ist, dann ist es ein unanständiges Wort. Wenn „Regulierung“ bedeutet, das eigene Verhalten, die eigene Zerstörungswut und die eigene Bequemlichkeit endlich an die Grenzen des Lebens anzupassen, dann wird es interessant. Dann beginnt das Drama. Denn plötzlich steht der Mensch selbst im Protokoll. Als Verursacher. Als Risiko. Als übergriffige Art mit Werkzeuggebrauch und Rechtfertigungsapparat.
Und das ist der Grund, weshalb Tiere so gern reguliert werden: Sie widersprechen kaum. Sie schreiben keine Gegengutachten. Sie laden keine Pressekonferenz ein. Sie stehen einfach im Wald, im Wasser, auf der Weide, im Weg. Und der Mensch zeigt auf sie und sagt: „Da ist das Problem.“
Wie beruhigend.
Wie sauber.
Wie menschlich.
Wenn Überbeanspruchung des Lebensraums ein Grund zur Regulierung ist, sollte der Mensch sehr leise werden, sobald irgendwo ein Gewehr gepflegt wird.
