Friedrich Merz und die Christliche (!) Union, haben laut mehreren Berichten in den Koalitionsverhandlungen die Abschaffung des Maifeiertags ins Spiel gebracht.
Treffender hätte man die deutsche Verachtung für den Arbeiter kaum inszenieren können: Kaum wirds etwas enger, greift diese Partei nicht nach Übergewinnen, nicht nach Vermögen, nicht nach den üblichen geschonten Etagen, sondern nach dem Tag, der wenigstens symbolisch einmal den Arbeitern gehören sollte. Der sogenannte „Tag der Arbeit“ ist für diese Leute kein historischer Kampftag, kein Erinnerungsort, kein Zeichen von Würde, sondern bloß ein lästiger Produktionsausfall mit Kalenderblatt.
Ist euch schonmal aufgefallen, dass die Presse diesen Tag Jahr für Jahr verharmlosend „Maifeiertag“ nennt, als ginge es um ein paar Bollerwagen, Frühlingsgefühle und einen freien Kalendertag?
Aus einem politischen Kampftag wird sprachlich eine gemütliche Mai-Deko, sauber entkernt, geschichtsgereinigt und auf die Harmlosigkeitsstufe eines Stadtfestes heruntergedimmt. Genau dieser kleine, widerliche Taschenspielertrick hat mich wieder auf den eigentlichen Punkt gestoßen:
Deutschland feiert seit jeher lieber die Arbeit als den Arbeiter, lieber die Funktion als den Menschen, und verkauft diese Entmenschlichung bis heute als völlig normalen Brauch.
Der 1. Mai wurde international als Kampftag der Arbeiterbewegung gesetzt. Gemeint waren Arbeiter, Arbeiterrechte, Achtstundentag, Würde, Lohn, Schutz. Also Menschen. Deutschland nahm diesen Tag und machte sprachlich das, was dieses Land seit jeher mit erstaunlicher Gründlichkeit beherrscht: Es entfernte den Menschen aus dem Titel und stellte die Funktion auf den Sockel. Aus dem Tag der Arbeiter wurde der „Tag der Arbeit“. Als wäre die Tätigkeit der Held und der Arbeiter bloß das austauschbare Trägermaterial mit Puls. 
Dann kam 1933 und verpasste diesem already kalten Begriff die passende Vergiftung. Die Nazis erklärten den 1. Mai zum „Feiertag der nationalen Arbeit“. Schon am 2. Mai zerschlugen sie die Gewerkschaften. Erst die Bühnenbeleuchtung, dann der Schlagstock. Erst die große Geste für die „Arbeit“, dann die Vernichtung jeder organisierten Stimme der Arbeiter. Deutlicher lässt sich eine Priorität kaum formulieren: Der Mensch zählt als Material, die Arbeit zählt als Kult. 
Und aus genau dieser Denkwelt stammt auch jener Satz, der wie ein rostiger Haken bis heute in der Geschichte hängt: „Arbeit macht frei“. Über Toren von Konzentrationslagern wurde Arbeit zur zynischen Heilslehre, zur Disziplinierungsformel, zur sprachlichen Vorhölle des Mordens. Wer da noch so tut, als sei die deutsche Verherrlichung der „Arbeit“ bloß ein harmloser Traditionsrest, pflegt Geschichtsvergessenheit mit bürokratischer Sorgfalt. Diese Linie wirkt zu sauber, zu konsequent, zu deutsch, um sie für Zufall zu halten. 
Deshalb gehört dieser Name entsorgt. Weg mit dem „Tag der Arbeit“. Her mit dem „Tag der Arbeiter“. Ein Tag für die brechenden Rücken, die aufplatzenden Hände, die müden Knochen, die Schichtgesichter, die ausgelaugten Körper und die Menschen, die dieses Land jeden verdammten Tag am Laufen halten, während sich andere an Begriffen berauschen, die klingen wie aus einer Verwaltungshölle mit Fahnenmast.
Arbeit besitzt keine Würde. Würde besitzt der Mensch. Und genau deshalb verdient der 1. Mai endlich einen Namen, der keine Maschine feiert.
